Diagnose Depression – und was jetzt?

Mir ging es schon seit über einem Jahr nicht gut, die letzten Monate rapide immer schlechter. Schlafstörungen, Stimmungsschwankungen, Antriebslosigkeit, Erschöpfung, Reizbarkeit und was eben noch so dazu gehört. Zu einem gewissen Grad kannte ich diese Symptome schon von einer leichten Depression als ich 17 war. Aber nicht in diesem Ausmaß. Mein damaliger Freund hielt die Situation kaum mehr aus, er drängte mich dazu mir Hilfe zu suchen, sagte, dass es so nicht weiter gehen kann. Und er hatte recht.

Da saß ich nun, zu einem Einschätzungsgespräch in dem Zimmer einer Therapeutin. Sie fragte mich, warum ich hier sei. Ich fing an zu erklären. Ich bin meine Geschichte auf der Busfahrt zur Praxis im Kopf schon 100 Mal durchgegangen. Ich habe sie geübt, weil ich ganz ruhig und sachlich sein wollte. Aber daraus wurde nichts. Die Ohnmacht und Verzweiflung, die ich schon seit so langer Zeit spürte, bahnte sich ihren Weg an die Oberfläche. Schon in den ersten Minuten meiner einstudierten Erzählung fing ich an zu weinen. Aber kein aktives Weinen. Kein herzzerreißendes Schluchzen. Ich verspürte nicht mal wirkliche Trauer. Es war wie eine automatisierte Reaktion meines Körpers. Die Tränen strömten mein Gesicht herunter während ich sprach. Ich konnte es nicht kontrollieren. Ich konnte es nicht einmal wirklich fühlen. Es passierte einfach. Ich sprach und weinte. Sie stellte zwischendurch ein paar Fragen. Ich antwortete. Schließlich sagte sie: „Sie wissen, dass es sich um eine Depression handelt, oder?“. Diese Worte trafen mich wie ein Schlag. Natürlich habe ich vermutet, dass ich an einer Depression leide und diverse Internettests, die ich Zuhause gemacht habe, hatten dies auch schon bestätigt. Und trotzdem zog es mir kurz den Boden unter den Füßen weg.

Es laut ausgesprochen zu hören machte es plötzlich real. Und nicht nur das. Ich fühlte mich dadurch irgendwie gelabelt, in eine Schublade gesteckt. Als würde nun ein schlimmer Makel an mir haften. Als würde mein Leben von jetzt an nicht mehr dasselbe sein. Dabei sind diese Gedanken im Nachhinein betrachtet totaler Quatsch. An meinem Leben hatte sich in diesen 30 Minuten nichts geändert, außer, dass ich jetzt den Namen meines Unglücks kannte: Depression. Die Diagnose an sich hatte keinerlei Auswirkung auf meinen Gesundheitszustand, sondern war nur eine Beschreibung dessen. Mir ging es nicht schlecht, weil ich jetzt offiziell eine Depression hatte, sondern ich wurde diagnostiziert, weil es mir schlecht ging. Da das, was ich fühlte, nun einen Namen hatte, konnte ich es nicht weiter ignorieren oder verdrängen. Im ersten Moment nahm ich das als etwas Schlechtes wahr, da ich nun keine andere Wahl hatte als der unangenehmen Wahrheit ins Gesicht zu blicken. Im Grunde war es aber etwas Gutes. Denn vorher habe ich alleine gegen einen unsichtbaren Feind angekämpft und hatte keine Chance. Ich war absolut hilflos und orientierungslos. Aber durch die Diagnose war dieser Feind jetzt plötzlich nicht mehr unsichtbar. Er wurde greifbar. Ich konnte alles über ihn herausfinden und ihn mit professioneller Hilfe bekämpfen. Und meine Siegesschancen haben sich dadurch erheblich gesteigert.

So niederschmetternd die Diagnose war, sie tat irgendwie auch ein bisschen gut. Ich wusste endlich, dass es einen Grund dafür gab, dass es mir so schlecht ging. Dass ich es mir nicht nur einbildete, ich nicht faul war und mich nicht „zu sehr anstellte“. Und ich wusste, dass ich den ersten Schritt getan hatte. Denn die Diagnose war mein erster Schritt zur Besserung. Und falls ihr auch gerade eine Diagnose bekommen habt, die euch den Boden unter den Füßen wegreißt, dann versucht trotzdem das Gute daran zu sehen. Auch wenn es schwerfällt. Ja, krank sein ist scheiße. Mit einer Depression diagnostiziert zu sein ist auch scheiße. Aber sich krank zu fühlen und nicht zu verstehen wieso, sich immer selbst Vorwürfe über die eigene Schwäche und das eigene Versagen zu machen, sich immer schlechter und schlechter zu fühlen und nichts dagegen tun zu können, weil man ohne zu wissen was los ist gar keine Ansatzpunkte zur Besserung des Zustandes hat, das ist noch viel mehr scheiße. Vielleicht hilft es auch, die Diagnose Depression nicht als das Ende eures Lebens als gesunder Mensch (denn let’s face it, gesund wart ihr vor der Diagnose auch nicht, sonst hättet ihr nicht nach Hilfe gesucht) sondern als Beginn eures Heilungsweges zu sehen. Denn nach der Diagnose kommt die Behandlung und mit der Behandlung wird es irgendwann besser.

Ich bin jetzt seit 11 Monaten in Behandlung. Ich habe im November 2018 mit einer Verhaltenstherapie begonnen und werde seit kurzem auch medikamentös behandelt. Und ich kann euch sagen: Ich hätte niemals gedacht, dass es mir jemals wieder so gut gehen würde wie jetzt. Natürlich bin ich noch nicht ganz gesund. Im Vergleich zu anderen ist das Pensum von dem, was ich an einem Tag oder in einer Woche schaffe noch relativ gering. Aber im Vergleich zu vorher, als ich keine echte Freude empfinden konnte, als der Gang zum nächsten Supermarkt sich anfühlte als würde ich einen Marathon laufen, als ich mehrere Wochen krankgeschrieben war, weil ich zu schwach zum Arbeiten war, als ich kaum Freunde hatte, weil die Energie zum Freundschaften pflegen fehlte, im Vergleich dazu geht es mir gerade wirklich verdammt gut! Ich bin so stark, zufrieden und unabhängig wie schon lange nicht mehr, und das ist, glaube ich, das beste Gefühl, das man haben kann. 

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