Gastbeitrag: „Ich wollte nicht mehr kämpfen“

Ein Erfahrungsbericht über das Leben mit Depressionen

Meine erste klinisch relevante Depression hatte ich im Jahr 2015. Damals war ich 19 Jahre alt und eingeschriebener Journalismus-Student an einer Fachhochschule in Berlin. Mein Leben bewegte sich zu diesem Zeitpunkt zwischen Uni, Praktika und einer problembehafteten Liebesbeziehung. Ich war noch sehr jung. Mein Selbstwertgefühl kaum ausgeprägt und ein gesundes Konfliktmanagement aufgrund einer überbehüteten Kindheit nicht vorhanden. Als die ersten Symptome der Depression bei mir auftraten wusste ich diese überhaupt nicht zu deuten. Ich dachte, dass das was ich durchlebte ein normaler Prozess des Erwachsenwerdens sei. Folglich verdrängte ich meine missmutige Stimmung mit Partys, Alkohol und Cannabis. Ein Fehler. Denn dieser Lebensstil führte mich noch tiefer in die Krankheit. Nachdem ich wieder mal an einem Joint zog, verschlimmerte sich meine mentale Situation von einer Sekunde auf die andere extrem. Ich bekam Panikattacken und starke Derealisationszustände, die von den Ärzten anfangs fälschlicherweise als psychotische Symptome gedeutet wurden. Ich verfluchte mich für den Cannabiskonsum. Doch ich konnte es nicht ungeschehen machen.

Nach den ersten Wochen des totalen Kontrollverlusts stabilisierte ich mich etwas. Ich begann eine ambulante Psychotherapie und stellte mich bei einem Früherkennungszentrum für Psychosen vor. Glücklicherweise kam ich schnell wieder in einen Zustand, der es mir ermöglichte meinen Alltag halbwegs zu meistern. Zwar quälte ich mich durch das Studium, die Minijobs und meine Beziehung, doch die Schmach mich langfristig krankschreiben zu lassen und Uni und Beziehung aufzugeben wollte ich mir nicht geben. So dauerte es Jahre bis ich nach und nach wieder zu einem normalen Leben fand – ohne Depression. Was blieb war die phasenweise Derealisation. Mitte 2018 beendete ich die Psychotherapie – in dem Glauben nie wieder abzurutschen. Doch die beruflichen und privaten Krisen wollten nicht enden. Und so taumelte ich wieder. Trotz eines gesünderen Lebensstils. Und einem guten Ausgleich.

In diesem Jahr bekam ich einen Rückfall. Monatelanger Dauerstress, das Ende einer neuen Liebesbeziehung und enorme Unzufriedenheit im Job warfen mich zurück. Wieder fiel ich in ein tiefes mentales Loch. Diesmal wollte ich jedoch nicht dagegen ankämpfen. Es erschien mir utopisch meine verbliebenen Energiereserven für den Job zu verschwenden und „nur“ nebenbei an meiner mentalen Gesundheit zu arbeiten. Also zog ich einen Schlussstrich. Ich ging zum Hausarzt und ließ mich bis auf weiteres krankschreiben. Die Auszeit tat mir gut. Ich schlief viel, reduzierte meinen Medienkonsum, meditierte und machte regelmäßig Sport. Doch all diese Dinge fielen mir unendlich schwer. Ich war am Boden. Erschöpft. Ausgebrannt. Zerbrochen. In meinem Herz saß der Schmerz der Trennung. In meinem Kopf noch immer der quälende Gedanke, bald wieder arbeiten zu müssen. 

Ich ging zum Psychiater und schilderte ihm meine Symptome. Er verschrieb mir Escitalopram – ein auf Serotonin wirkendes, antriebssteigerndes und stimmungsaufhellendes Mittel. Ich hatte wieder Hoffnung und glaubte fest daran, bald eine positive Wirkung zu spüren. Doch es kam anders. Nach der Einnahme der ersten Tablette am kommenden Morgen fühlte ich ein unangenehmes Kribbeln in meiner Zunge, den Armen und Beinen. Ich wurde innerlich sehr unruhig. Bekam Angstzustände. Und schlief nur noch zwei Stunden pro Nacht. Drei Tage später fuhr ich zur Rettungsstelle eines nahegelegenen Krankenhauses, weil ich den Zustand nicht mehr aushielt. 

Ich kam auf Station. Hier fühlte ich mich sicher und geborgen. Weit weg vom hektischen Alltag und der lauten Stadt. Umgeben von Fachärzten und netten Mitpatienten. Ich hoffte mich unter diesen Umständen rasch zu stabilisieren und auf eine richtige medikamentöse Einstellung. Doch auch die folgenden Antidepressiva, die ich im Krankenhaus einnahm vertrug ich nicht. Ich schluckte vier verschiedene Medikamente innerhalb von zwei Wochen. Mein Körper rebellierte. Meine mentale Situation verschlimmerte sich noch mehr. Statt als gut versorgter Patient kam ich mir plötzlich wie eine Ratte im Labor vor. Ich vertraute den Ärzten nicht mehr. Wurde zunehmend misstrauischer, empfand alles und jeden als bedrohlich und bekam das Gefühl in der Klinik gefangen zu sein. Unter Absprache mit dem Klinikpersonal wechselte ich nach sechzehn Tagen in die teilstationäre Behandlung. Ich freute mich auf mein Zuhause. Und war froh zumindest abends und an den Wochenenden wieder ein halbwegs normales Leben zu führen. Im Verlauf des Tagesklinik-Aufenthalts stabilisierte ich mich endlich. Ich probierte noch ein allerletztes Medikament aus. Mit Erfolg. Nach sieben Tagen unter Elontril verbesserten sich mein Schlaf, mein Antrieb und meine Stimmung. Ich spürte wie ich aktiver wurde und wieder losgelöst lachen konnte. Alles fiel mir plötzlich leichter. Der Klinik-Alltag, das Einkaufen, der Sport. Ich war wieder belastbarer und glücklicher. Ich nutze die gewonnene Energie, um mich beruflich neu zu orientieren. Ich lernte viele neue Techniken zur Selbsttherapie kennen, entdeckte Yoga für mich und traf auf tolle Mitpatienten, mit denen ich teilweise noch immer in Kontakt bin. Ich verliebte mich sogar neu. Nach sechs Wochen entließen mich die Ärzte. Ich ging mit einem guten Gefühl. Und der Gewissheit auf dem richtigen Weg gen mentaler Gesundheit zu sein. 

Die Tatsache mit 23 Jahren bereits zwei depressive Episoden durchlebt zu haben und nach wie vor in einer beruflichen und privaten Findungsphase zu stecken beunruhigen mich immer noch. Doch ich weiß mittlerweile um meine Stärken und bin froh mir Hilfe geholt zu haben. Durch die Depressionen komme ich näher zu dem Leben, das ich wirklich führen möchte. Denn die dunklen Phasen zwingen mich dazu, einen Schritt vom Alltag zurück zu treten, Dinge zu hinterfragen, zu ändern und mich und meine Bedürfnisse besser kennen zu lernen. Die Krankheit hat eben auch etwas Gutes.

von Robert

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