Heilung einer Depression – warum dabei der Weg das Ziel ist

Recovery is a journey not a destination.

Klingt vielleicht auf den ersten Blick etwas seltsam, denn das ultimative Ziel sollte doch die Heilung sein, oder? Ja, das stimmt schon. Aber ich habe auch gemerkt, wie mich mein persönliches Verständnis davon, wie mein Heilungsprozess aussehen sollte, lange zurück gehalten hat. Ich dachte mir das so: Ich befinde mich an Punkt A (frisch diagnostiziert mit einer Depression) und will zu Punkt B (geheilt von meiner frisch diagnostizierten Depression). Das Ziel ist also Punkt B. Und wie komme ich da hin? Psychotherapie, gegebenenfalls Medikamente, und ein paar Veränderungen in meinem Privatleben (z.B. bessere Ernährung, mehr Bewegung, Meditation, Entspannungsübungen etc.). Und all das war nur Mittel zum Zweck, um endlich an dem Punkt anzugelangen, an dem ich wieder zu meinem ‚alten Leben‘ zurückkehren kann und ‚alles wieder so wird wie früher‘. Mein Verständnis von Heilung war steif und nur schwarz-weiß. Für mich gab es keine Nuancen zwischen depressiv und nicht mehr depressiv. Ich hatte kein Verständnis für die vielen kleinen Fortschritte, die ich bereits gemacht habe. Ich dachte nur, wenn ich alle diese Dinge tue, die mir Ärzte und Therapeuten empfehlen, dann bin ich schnell wieder gesund und das Thema ist abgehakt. Ich habe die Heilung als ganz klares Ziel priorisiert und wie genau ich dort hinkomme, war mir eigentlich egal.

Aber mit dieser Denkweise habe ich mir selbst Steine in den Weg gelegt. Dadurch, dass ich nicht mal ansatzweise in dem Tempo, in dem ich es mir gewünscht hätte, voran kam, waren Frust und Enttäuschung vorprogrammiert. Da ich nur dieses eine Ziel hatte, gab es auch zwischendrin keine Erfolgserlebnisse. Und das hat dazu geführt, dass die Stimmung wieder ins Negative gekippt ist, was mich noch weiter von dem Ziel der Heilung entfernte. Wieder eine Art Teufelskreis. Je mehr Frust ich darüber empfand, dass ich immer noch unter den Beschwerden einer Depression litt, desto schwerer und länger wurde der Weg zur Heilung. Als ich endlich gemerkt hatte, dass ich so nicht weiterkam, habe ich versucht mein Denken anzupassen.

Es wird oft gesagt, dass Heilung nicht linear ist. Ich dachte immer, damit ist gemeint, dass der Fortschritt nicht geradlinig nach oben geht. Dass also keine direkte, gerade Linie zwischen Punkt A und Punkt B besteht, sondern eher so eine Linie mit vielen Zacken, wie man sie von den Herzmonitoren aus Arztserien kennt (an dieser Stelle ein kleines Hallo an alle Grey’s Anatomy-Liebhaber da draußen). Mit vielen Aufs und Abs, die mal höher und mal tiefer sind, aber (und in diesem Punkt unterscheidet es sich von den Herzmonitor-Linien) mit einer grundlegenden steigenden Tendenz. Aber vielleicht heißt es auch, dass Heilung einfach keinen richtigen Endpunkt hat. Vielleicht ist Heilung weniger ein Punkt, auf den man zusteuert, sondern mehr ein Prozess, der stetig andauert. Etwas, das nicht einfach nur erreicht wird, sondern an dessen Erhalt man auch danach noch kontinuierlich weiterarbeiten muss.

Durch diese neue Perspektive habe ich gemerkt, dass die Dinge, die ich jetzt gerade tue, auch zählen. Dass das, was für mich vorher nur Mittel zum Zweck war, um möglichst schnell am Endpunkt Heilung anzukommen, eigentlich das Wichtige ist. Dass es bei Heilung einer Depression nicht darum geht, die Krankheit einmal abzuhaken und danach happily ever after zu leben. Sondern vielmehr, dass die Schritte, die ich auf dem Weg zur Heilung gehe, mich auch danach noch weiterhin prägen werden. Dass es genau diese Dinge sind, die möglicherweise einen Rückfall verhindern könnten. Und dass es bei der Therapie z.B. nicht nur darum geht, irgendwie die Symptome der Depression in den Griff zu kriegen, sondern auch alltägliche Verhaltensweisen zu entdecken, die der mentalen Gesundheit schaden. Das können schlechte Stressbewältigungsstrategien sein, fehlende oder destruktive Kommunikation, Abhängigkeiten von anderen Menschen, ungesunde Angewohnheiten, etc. Es sind diese Kleinigkeiten, die nicht nur auf dem Weg zur Heilung wichtig sind, sondern auch zu deren Erhalt beitragen. Und nicht nur etwas, das man tut, um die Krankheit hinter sich zu bringen und dann genauso weiter zu machen, wie zuvor.

Das ist zumindest meine persönliche Erfahrung. Vielleicht geht es euch ja anders? Ich würde mich freuen, eure Gedanken zu diesem Thema zu hören!

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