Ein Versuch: Mit Vergleichen mehr Verständnis schaffen?

Eine Frage, die mich wirklich oft beschäftigt ist: Wie erkläre ich einer Person, die noch nie mit Depressionen in Berührung gekommen ist, wie es sich für mich anfühlt? Einige von euch fragen sich jetzt vielleicht im Gegenzug: Muss man es anderen überhaupt erklären? Das ist definitiv eine legitime Frage, aber ich denke schon. Denn das bringt uns zurück zum Thema Verständnis und Akzeptanz. Ich glaube nämlich, dass es schwierig ist aufrichtiges Verständnis für etwas hervorzubringen, das man absolut nicht nachvollziehen kann. Nicht unmöglich, natürlich. Aber doch schwierig. Und es geht hier nicht nur um ein vielleicht etwas abstrakt-wirkendes gesellschaftliches Verständnis, das natürlich auch unglaublich wichtig ist. Es geht auch um mich als Individuum und die Menschen in meinem Leben. Ich wollte schon von Anfang an das, was ich erlebe und spüre, irgendwie greifbar machen. Sowohl für mich persönlich, als auch für die Menschen in meinem engen Umfeld. Ich wollte einfach irgendwie verstehen was genau ich da fühle. Und ich wollte es meinem Freund, meinen Freunden oder meiner Familie erklären können, damit sie zumindest ansatzweise nachvollziehen können, was in mir vorgeht. Das habe ich für mich versucht, indem ich das was ich spürte mit „alltäglichen“ Situationen verglichen habe, in die sich beinahe jeder hineinversetzen kann.

Living with depression is like being alone at a party where no one speaks your language.

Mit einer Depression zu leben ist wie alleine auf einer Party zu sein, auf der niemand deine Sprache spricht.

Das ist der Text, der auch auf dem Beitragsbild dieses Posts zu lesen ist. Bevor ich aber erkläre, wie ich darauf gekommen bin, möchte ich nochmal kurz sagen: Diese Vergleiche über die ich hier spreche sind wirklich aus meiner persönlichen Erfahrung entsprungen. Ich habe diese Sätze auch tatsächlich schon lange bevor ich über diesen Blog nachgedacht habe benutzt, um zu erklären wie ich mich fühle. Ich weiß aber auch, dass die Symptome und die Wahrnehmung einer Depression wahrscheinlich für jeden, der darunter leidet, unterschiedlich sind. Es ist daher sehr wahrscheinlich, dass ihr vielleicht mit meinen Vergleichen gar nicht viel anfangen könnt, weil es für euch ganz anders ist. Aber in diesem Blog soll es ja schließlich nicht nur um mich gehen, deshalb würde ich mich freuen zu hören, wie es sich für euch anfühlt. Ob es ähnliche Situationen sind, oder vielleicht etwas komplett anderes, schreibt mir doch einfach eure Gedanken in den Kommentaren oder über das Kontaktformular!

Jetzt aber zurück zu diesem ersten Vergleich. Wie es oft so ist bei Menschen, die unter Depressionen leiden, habe ich mich währenddessen sehr stark zurück gezogen. Zuerst, weil mich meine psychische Krankheit auch oft physisch krank gemacht hat und ich dadurch nicht in der Lage war die Wohnung zu verlassen. Dann, weil ich selbst ohne meine ständigen Mandel-, oder Blasenentzündung zu schwach und erschöpft war, um zu irgendwelchen Events oder Partys zu gehen. Und irgendwann war ich schon so lange nicht mehr abends oder am Wochenende fort, dass ich eine regelrechte Panik davor entwickelt habe: Stechen in der Brust, ein extrem unangenehmes Kribbeln am ganzen Körper, Rauschen im Kopf, Hitzewallungen als hätte ich Fieber und irgendwie war ich einfach nicht mehr in der Lage meinen Blick richtig zu fokussieren. Natürlich weiß ich auch, dass viele Menschen mit viel schlimmeren Panikattacken zu kämpfen haben, gegen die diese Stresssymptome ein Klacks sind. Das macht sie aber für mich nicht weniger unangenehm.

Eine ganze Weile waren diese Beschwerden meine Begleiter auf jeglichen sozialen Veranstaltungen. Wenn ich sage Das Leben mit einer Depression ist wie alleine auf einer Party zu sein, auf der niemand deine Sprache spricht, dann versuche ich damit ein extremes Unwohlsein auszudrücken. Ein Unwohlsein, das dadurch ausgelöst wird, dass man sich komplett abgeschieden vom Rest der Party fühlt. Man ist zwar unter Menschen, aber fühlt sich dadurch nur umso einsamer. Als wäre man in einer unsichtbaren Blase, die einen irgendwie von allen anderen trennt. Der Teil mit der Sprache ist metaphorisch gemeint, denn ich war noch nie ganz alleine auf einer Party auf der wirklich niemand meine Sprache gesprochen hat. Aber trotzdem hatte ich aufgrund meiner Depression oft Probleme mit anderen zu kommunizieren. Ich war so tief drinnen in meiner dunklen Welt, die zu dem Zeitpunkt quasi nur noch aus meinem Wohnzimmer bestand, dass ich nicht wusste worüber ich mit anderen reden sollte. Ich konnte nicht mitsprechen, wenn es um Partys, Reisen und tolle, spannende Erlebnisse ging, weil ich es kaum aus meiner eigenen Wohnung geschafft habe. Und die Dinge, die mir im Kopf herumschwirrten, waren im Gegenzug nicht gerade für Party-Smalltalk geeignet. Ich habe natürlich trotzdem versucht mit anderen zu sprechen, aber so richtig verstanden habe ich mich nicht gefühlt. Wir sind einfach nicht auf dieselbe Wellenlänge gekommen. Zu machen Zeitpunkten war es wirklich fast, als würden wir in zwei unterschiedlichen Sprachen aneinander vorbeireden.

Mit einer Depression zu leben ist, als würde jemand jede einzelne deiner Bewegungen kritisieren.

Vielleicht habt ihr schonmal von dem „inneren Kritiker“ gehört. Das ist diese kleine, fiese Stimme in unserem Kopf, die uns auf unsere Fehler und Schwächen aufmerksam macht. Von meiner Therapeutin habe ich gelernt, dass jeder diesen inneren Kritiker hat und, dass es auch gar nicht so schlecht ist ihn zu haben. Ohne ihn wäre zum Beispiel eine vernünftige Selbsteinschätzung ziemlich schwierig. Das Problem ist nur, dass dieser Kritiker während meiner Depression immer lauter und penetranter wurde. Bei jedem Gedanken, den ich gedacht habe, und jedem Schritt, den ich gegangen bin, war es als stände er direkt hinter mir um mir seine gehässigen Kommentare ins Ohr zu flüstern. Irgendwann konnte ich nichts mehr tun, ohne zu denken, dass es falsch wäre. Egal ob es mein Aussehen war, die Art wie ich ging und sprach, wie ich meine Mitmenschen begrüßte, wenn ich versucht habe Smalltalk zu führen oder mich in irgendwelche Unterhaltungen eingebracht habe, und meine Aussagen einfach nicht intelligent oder schlagfertig genug waren. Ich war mir sicher, jeder Mensch dem ich begegne denkt genau dieselben schlechten Dinge über mich, die ich mir durch meinen inneren Kritiker ständig selbst gesagt habe. Dadurch wurde alles, was ich getan habe zur Qual, weil einfach nichts gut genug war. Und aus diesem konstanten, fast schon lähmenden Selbstzweifel wieder heraus zu kommen ist alles andere als leicht.

Mit einer Depression zu leben ist, als hättest du einen fiesen Kater. Jeden Tag.

Und diesen schlimmen Kater hat man nicht nur jeden Tag, sondern auch ohne vorher den Spaß gehabt zu haben, für den man ihn manchmal gerne in Kauf nimmt. Und auch ohne die Entscheidung zu haben, ob etwas diesen Kater wert ist oder nicht. Einigen von euch geht es vielleicht anders, aber ich habe mich sehr oft so gefühlt, als hätte ich die vorherige Nacht durch getrunken und -gefeiert und würde nun mit viel zu wenig Schlaf und viel zu viel Restalkohol im Blut aufwachen. Kopfschmerzen, Übelkeit, Schwindelgefühle, Erschöpfung, Bauchschmerzen und einfach nur der Wunsch im dunklen Schlaf- oder Wohnzimmer zu liegen und sich nicht zu bewegen.

Bitte versteht mich nicht falsch, ich versuche mit diesen Vergleichen auf keinen Fall die Erfahrung einer Depression zu trivialisieren. Ich will auch nicht sagen, dass sich eine Depression immer wie genau eine dieser Situationen anfühlt. Mir geht es hier nur um einen Versuch mit möglichst vielen Vergleichen (am besten von möglichst vielen Menschen – dazu brauche ich aber eure Unterstützung) eine Art Mosaik zu erschaffen, das in seiner Gesamtheit die vielen verschiedenen Symptome und Beschwerden einer Depression annähernd widerspiegeln kann. Und je mehr Menschen ein Verständnis für die Vielschichtigkeit und reale Beeinträchtigung einer Depression entwickeln, desto näher kommen wir einer akzeptierenden Gesellschaft, in der diese Krankheit nicht mehr stigmatisiert oder heruntergespielt wird. So denke ich mir das zumindest… Glaubt ihr, dass so etwas möglich ist? Oder habt ihr vielleicht eine andere Idee, um mehr Verständnis und Akzeptanz zu erreichen?

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