Depression – Schluss mit dem Stigma!

Nur ein paar kleine Worte können sich anfühlen wie ein Schlag ins Gesicht. Das weiß glaube ich jeder. Aber nicht nur das. Manchmal fühlen sie sich auch an wie Klebeband, das fest über den Mund geklebt wurde. Deshalb stehen diese entweder aus Ignoranz, Unwissenheit oder einfach Unbedachtheit gesprochenen Sätze auch direkt auf den Mündern der Betroffenen und hindern sie so daran zu sprechen.

In Deutschland erkranken jedes Jahr rund 5,3 Millionen Menschen an einer Depression. Das macht diese Krankheit nach Alkohol- und Angststörungen zu einem der am meistverbreiteten und unterschätzten mentalen Leiden unserer Gesellschaft. Trotz dieser enormen Zahlen ist die Diagnose aber immer noch negativ besetzt. Irgendwoher kommt der Irrglaube, dass es keine „richtige“ Krankheit, sondern eher ein Zeichen mentaler Schwäche sei. Und wenn nicht ein Zeichen mentaler Schwäche, dann zumindest eine direkte Folge davon. Viele denken, dass „starke“ Menschen davon nicht betroffen sind. Dabei ist es sogar eher anders herum. Mittlerweile weiß man, dass besonders leistungsstarke Menschen öfter darunter leiden. Nichtsdestotrotz ist und bleibt eine Depression aber eine Krankheit, die jeden treffen kann. 

Umso wichtiger ist es, endlich das Stigma davon zu entfernen. Es ist nämlich nicht nur total unlogisch, es ist auch verdammt gefährlich. Denn eben wegen dieser Stigmatisierung suchen sich viele, die es dringend nötig hätten, keine Hilfe. Ich weiß es ja von mir selbst. Meine erste („nur“ eine leichte) Depression bekam ich als ich 16 war. Ich sollte vielleicht dazu sagen, dass sie durch den plötzlichen Tod meines Vaters ausgelöst wurde. Es war deshalb sehr schwierig für mich zu unterscheiden, was eine „normale“ Trauerreaktion war, und ab wann es sich in etwas anderes entwickelt hat. Nach 1,5 Jahren habe ich mich aber immer noch gefühlt jede Nacht in den Schlaf geweint und litt unter einer schlimmen Schlafstörung. Zum einen hatte ich jede Nacht brutale Es-geht-um-Leben-und-Tod-Verfolgungsträume, und zum anderen hatte ich immer mal wieder Phasen, in denen ich nur ca. 2-4 Stunden pro Nacht geschlafen habe.

Photograph by Joe Robles on Unsplash

Rückblickend weiß ich gar nicht mehr, wie ich es so lange so ausgehalten habe. Aber selbst nach 1,5 Jahren habe ich nur auf starkes Drängen meiner Mutter hin einer Therapie zugestimmt. Jetzt denken einige von euch vielleicht, ja es ist doch logisch, dass es dir in so einer Zeit schlecht ging. Und da habt ihr auch recht, natürlich ist es logisch. Aber nur weil es einen logischen Grund dafür gibt, sollte man diesen Zustand doch nicht einfach hinnehmen und ewig so weiterleben. Vor allem nicht, wenn es einen effektiven Weg gibt die Situation zu verbessern, oder? Und den gibt es, wie ich gemerkt habe. Nach nur 10 Stunden bei einer Jugendtherapeutin waren meine Schlafprobleme verschwunden und ich habe mich auch sonst deutlich besser und stabiler gefühlt. Im Nachhinein frage ich mich, warum ich so lange so „unnötig“ gelitten habe. Einfach nur, weil ich nicht jemand sein wollte, der zur Therapie gehen muss. Und warum wollte ich das nicht? Weil es irgendwie in meinem Kopf festgesetzt war, dass es etwas Schlechtes ist, etwas wofür ich mich schämen müsste. Selbst bei meiner zweiten depressiven Episode, in der ich gerade übrigens noch voll drinstecke, habe ich fast zwei Jahre gewartet, bis ich mir wieder Hilfe gesucht habe. Dabei kannte ich die Symptome doch schon, und trotzdem habe ich einfach zugesehen, wie es mir mit jeder Woche schlechter ging. Diesmal war auch mein Immunsystem stark davon betroffen, so dass ich einfach konstant krank. Ich hatte kaum Energie, wieder immer größer werdende Schlafprobleme und hab mich sozial total isoliert. Und wieder war es eine außenstehende Person, in diesem Fall mein Freund, der mich dazu genötigt hat erst zu meinem Hausarzt und dann zu einer Therapeutin zu gehen.

Ich hatte bisher das Glück, dass ich noch nicht direkt mit den Vorurteilen, die so über Menschen mit Depression kursieren, konfrontiert wurde. Niemand hat mir ernsthaft direkt ins Gesicht gesagt „Stell dich nicht so an, du bist doch gar nicht krank“ oder „Was soll das denn, ich bin auch oft müde und gehe trotzdem zur Arbeit“. Aber trotzdem habe ich gemerkt, dass es manchmal einen Unterschied gibt zwischen dem, was andere sagen und dem, was sie wirklich denken. Und irgendwie kommt letzteres doch manchmal durch. Manchmal durch Gestik und Mimik, manchmal, weil sie vor dir anders reagieren oder sprechen als vor anderen. Und manchmal, weil in Streitsituationen die Emotionen überlaufen und etwas gesagt wird, das man eigentlich nie sagen wollte (und vielleicht auch gar nicht so meint?). Aber abgesehen davon hatte ich es alles in allem in dieser Hinsicht bisher ziemlich gut. Ich habe ein sehr verständnisvolles soziales Umfeld, in dem ich, wenn ich will, offen über meine Diagnose sprechen kann.

Es gibt aber auch immer andere, denen es diesbezüglich nicht so geht. Die jeden Tag alleine und still und leise vor sich hin leiden. So sehr leiden, dass man es sich fast nicht vorstellen kann, wenn man es nicht selbst schon einmal durchgemacht hat. So sehr, dass es schon körperlich wehtut und man einfach nur will, dass es aufhört. Egal wie. Und trotzdem suchen sich diese Menschen oft keine oder erst viel zu spät Hilfe. Weil sie entweder nicht wissen wie, oder weil sie Angst vor den Reaktionen ihrer Mitmenschen haben. Oder, und das ist der schlimmste Fall, weil sie schon so tief in diesen dunklen Sumpf gezogen wurden, dass es ihnen gleichgültig ist. Leben, Sterben, Schmerz, Leere, egal. Am schlimmsten ist die Leere. Und so weit darf es einfach nicht kommen.

Photograph by KAL VISUALS on Unsplash

Depressionen sind nicht nur eine richtige Krankheit, sie sind eine tödliche Krankheit. 2015 sind bereits mehr Menschen durch Suizid gestorben, als durch Drogen, Verkehrsunfälle und HIV zusammen. Und natürlich sind sie nicht alleine dafür verantwortlich zu machen, aber Aussagen, wie sie auf diesen Bildern über den Mündern der Betroffenen geschrieben sind, tragen ihren Teil dazu bei. Ob gewollt oder ungewollt, sie „verbieten“ diesen Menschen den Mund und führen dazu, dass sie lieber weiter leise vor sich hin leiden als sich Hilfe zu holen. Man kann jetzt sagen: „Aber das sind doch nur Worte“. Und das ist schon wahr, aber trotzdem können Worte so destruktiv sein wie Waffen. Sie können Menschen tief verletzen, isolieren und Hilfe im Weg stehen. Deshalb ist es so wichtig, darauf zu achten was man sagt. Nicht nur, wenn man mit einer Person mit Depression spricht, sondern immer! Ersten weiß man nie, wer insgeheim vielleicht auch davon betroffen ist und sich bisher nur noch nicht getraut hat etwas zu sagen. Und zweitens sind Worte – oder allgemeiner gesagt ist Sprache – der erste Weg zur Änderung der inneren Einstellung. Und genau das ist es, was wir brauchen. Akzeptierende Worte, die zu einer akzeptierenden Öffentlichkeit führen.

Jetzt würde mich interessieren, wie es euch bisher ergangen ist. Habt ihr schon Erfahrungen mit Vorurteilen, Unverständnis oder abwertenden Aussagen gemacht? Und wenn ja, wie seid ihr damit umgegangen?

Photograph by Ethan Haddox on Unsplash

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